Naturheilpraxis     Angelika Kammerer

 

Interview

 

Das aktuelle Thema befaßt sich diesmal mit Rückenoperationen. Im Folgenden lesen sie die leicht gekürzte Fassung eines Interviews mit Dr. Martin Marianowicz, das kürzlich in der Zeitschrift „Ihre Gesundheit! Das etwas andere Magazin“ erschien. Ich bedanke mich für die Erlaubnis, es hier ins Netz zu stellen.


 

 

In Deutschland werden jedes Jahr viele sinnlose Rückenoperationen durchgeführt“

 

Dr. Martin Marianowicz, Facharzt für Orthopädie, Chirotherapie und Sportmedizin, hat sich in Deutschland als Wirbelsäulenspezialist längst einen Namen gemacht. Er gilt als Wegbegleiter der modernen orthopädischen Schmerztherapie und der minimal-invasiven Wirbelsäulen- und Bandscheibenbehandlung. Mit uns sprach er über die Sinnlosigkeit von Rückenoperationen, die Alternativen der konservativen Behandlungsmethoden sowie sein Verständnis von der Rolle eines klassischen Orthopäden.

 

Herr Dr. Marianowicz, lassen Sie uns gleich in die Materie einsteigen.

Sie sagen, 80% aller Rückenoperationen sind überflüssig.

Wie kommen Sie zu diesem Schluss?

 

Das ist allgemeines Grundwissen. Eine der Examensfragen, als ich vor dreißig Jahren Examen gemacht habe, war, wieviel Prozent der Bandscheibenvorfälle heilen konservativ, also spontan und folgenlos ab. Wenn man ehrlich ist, begleiten wir den Patienten in die Spontanheilung. Mit welchen Mitteln wir das machen, ist völlig gleichgültig. Es geht schließlich darum, dass man den Schmerz beherrscht. Das ist das, was uns vom Operateur unterscheidet: Wir haben das Ziel, die 6-12 Wochen zu erreichen, von denen wir wissen, dass wir sie durchstehen müssen. Der Operateur hingegen tut alles, um diese nicht zu erreichen.

 

Die richtige Antwort auf die Frage, wieviel Prozent der Bandscheibenvorfälle abheilen, war 90%. Und wir wissen, dass es so ist.

 

Ich bin auch schon oft gefragt worden, ob ich auf mein Buch hin von den Neurochirurgen nicht sehr angegriffen worden bin. Ich bin überhaupt nicht angegriffen worden. Warum bin ich nicht angegriffen worden? Weil alle wissen, dass es stimmt.

 

Als ich letztes Jahr in Hamburg auf dem großen Deutschen Wirbelsäulenkongress war, da hat der Kongresspräsident gesagt, er sei der Meinung, dass 60 % aller Rückenoperationen

überflüssig sind. Das ist ein Skandal.

 

In der „tz“ wurde vor einiger Zeit eine Rückenserie von mir veröffentlicht. Daraufhin haben sich auch Neurochirurgen zu Wort gemeldet, und sie meinten, mit meinen 80 % würde ich übertreiben, es seien vielleicht nur 40-60 %. Wobei ja auch schon 20 % ein Skandal wären.

 

Das ist das, was ich aus meiner Erfahrung sagen kann, meiner täglichen Arbeit, und diese mache ich jetzt seit dreißig Jahren. Wenn man die Menschen nicht in die

Operation treibt, sondern sie rausholt, sind Sie bei 80 % erfolgreich. Ob das nun 75 oder 85% sind, lässt sich, obwohl ich statistisch viel recherchiere, nicht genau sagen. Dafür gibt es zu wenig harte Zahlen.

Es gibt eine interessante Studie aus den USA. Dort wurde geprüft, wo in den USA am meisten am Rücken operiert wird, und wo am wenigsten operiert wird – aus geographischer Sicht. Am meisten operiert wird in Los Angeles. Los Angeles hat die höchste Zahl von Neurochirurgen und die kürzesten Entfernungen zur nächsten Neurochirurgie. Am wenigsten operiert wird in Montana – ein großer Flächenstaat mit einer vergleichsweise niedrigen Bevölkerungszahl, der größten Entfernung zur nächsten Neurochirurgie und der geringsten Dichte an Neurochirurgen. Zudem keine reiche Gegend, meist Waldarbeiter, Handwerker, finanziell nicht vergleichbar mit Los Angeles. Der Unterschied der OP-Zahlen pro Rücken pro Einwohner beträgt 2000 %. Daraufhin ist in dieser Studie als Ergebnis festgestellt worden, dass nichts so zufällig indiziert wird in der Medizin wie Rückenoperationen. Sie sind nur abhängig von der Zahl der Kernspins, der Operateure, und davon, wo die nächste Klinik ist.

 

Warum wird in Deutschland so viel operiert?

 

Das hat drei Gründe. Fangen wir einmal mit den nicht-finanziellen Gründen an: Die Ausbildung ist schlecht. In einem konservativen Fach wie der Orthopädie wird eigentlich nur operativ ausgebildet. Wenn Sie in einer Klinik wie Bogenhausen oder Großhadern Ihre Facharztausbildung machen, dann haben Sie außer dem Operationssaal nicht viel gesehen. All die anderen Dinge werden überhaupt nicht vermittelt. Warum sollten sie auch vermittelt werden? Diese Kliniken sind schließlich operativ ausgerichtet. Der Apparat will den konservativen Patienten gar nicht. Er ist nicht lukrativ. Lukrativ hingegen ist die schnelle Bandscheiben-OP.

 

Das bedeutet: Alles, was ich mir beigebracht habe bzw. was wir tagtäglich machen, ist, Methoden und Therapien anwenden, die es schon sehr lange gibt. Wir haben sie lediglich in ein sinnvolles Konzept gepackt. Welches sind die zwei entscheidenden Kriterien, nach denen ich therapiere und warum ich überhaupt therapiere?

Das erste ist: Wie groß ist das Leid? Das ist eigentlich der entscheidende Faktor. Für mich spielt es keine Rolle, wie das Bild aussieht. Wenn mir der Patient sagt, auf einer Skala von 0–10, er sei bei Schmerz zwei, dann schick ich den Patienten zur Methode- Dorn oder in die Physiotherapie, zur Akupunktur oder ich empfehle Entspannungsübungen.

Was sagt also das Bild aus? Wenn mir jemand sagt, er habe Schmerz 8–9, dann kann ich nicht sagen, wir machen da nichts, denn im Bild kann ich nichts erkennen. Auch so etwas kommt vor. Wo man dann auch schnell dabei ist zu sagen, der Patient bilde sich die Schmerzen nur ein.

 

Wenn man sich mit dem Rücken beschäftigt, wird man feststellen, dass es zwischen der Expression des Bildes und den daraus verursachten, aufgrund der Entzündung entstandenen Schmerzen, keine Korrelation gibt. Jeder zweite Mensch, der schmerzfrei ist, hat mindestens einen Bandscheibenvorfall.

Bei den 70-Jährigen sind es 92 %, die zwei Bandscheibenvorfälle haben, 30 % haben zusätzlich eine Spinalkanalstenose. Völlig asymptomatisch.

 

Zwischen dem normalen Röntgenbild und dem Schmerz gibt es überhaupt keine Korrelation. Und Bilder haben eine sehr eingeschränkte Wertigkeit. Das ist zudem einer der Gründe, warum so viel operiert wird. Wir sind viel zu bildhörig. 50 % der Patienten, die zu mir kommen und eine OPIndikation gestellt bekommen haben, haben sich vor ihrem behandelnden Arzt niemals ausziehen müssen. Sie wurden körperlich gar nicht untersucht. Es wird die OP-Indikation am Bild gestellt. Am verheerendsten ist es an der Halswirbelsäule. Jeder zweite Halswirbelsäulen- Operierte, der zu mir kommt und der nach der Halswirbelsäulenoperation noch immer Beschwerden hat, der hatte ursprünglich nie ein Problem an der Halswirbelsäule. Meistens waren das Schulterprobleme, so genannte Impingements. Der Patient geht mit Schulterbeschwerden zum Arzt, dieser macht ein Röntgenbild, findet zufällig einen Bandscheibenvorfall, dieser wird dann operiert, und schon hatte der Patient eine Operation an der Halswirbelsäule, wobei die Halswirbelsäule keinerlei Beschwerden verursacht hat. Der Schmerz kam aus der Schulter.

 

Der deutsche Patient kommt ja in die Sprechstunde und macht Folgendes: Er gibt dem Arzt die Bilder und sagt: „Ich mach es ganz kurz.“ Wenn Sie aber eine Diagnose am Rücken stellen wollen, brauchen Sie Zeit. Das Gespräch ist eigentlich das, was wertvoll ist. Aufgrund des Gespräches und der Verdachtsdiagnose sehe ich mir dann die Bilder an und überprüfe, ob das zusammenpasst. Noch wichtiger ist dies bei älteren Leuten, da hier sehr wahrscheinlich ist, dass man mehrere Befunde hat. Wenn ich einen 70-jährigen Menschen in das MRT schicke, finde ich garantiert an drei oder vier Stellen etwas. Meine Therapie kann aber nur erfolgreich sein, wenn ich das eingrenze, auf einen ganz bestimmten Punkt, und nur diesen behandle.

 

Fest steht: Jeder orthopädische Befund, ohne dass der Patient leidet, ist eine Erkenntnis, aber keine Krankheit. Das gehört zum Leben dazu. Wenn Sie mich, wenn ich irgendwann einmal sterbe, an der Hüfte ausschneiden, dann sind das nicht die Hüften eines 18-Jährigen. Sondern es sind, so Gott will, die Hüften eines 80-Jährigen. Aber, solange sie mir keine Beschwerden bereitet haben, waren sie keine Krankheit.

 

..l.

 

In meinem Fachgebiet muss man gar nichts behandeln, solange der Patient nicht leidet. Es kommen Patienten zu mir, die sagen, Herr Dr. Marianowicz, ich muss Ihnen die Bilder zeigen, da wurde mir empfohlen, ich müsse jetzt Schritte einleiten. Ich frage dann zuerst: „Wie sehr leiden Sie denn?“ Man muss, wenn man Rücken behandelt, weg von der Objektivität. Es ist ein rein subjektives Geschehen. Das verändert alles. Wenn ich

von einem Patienten gefragt werde: „Was ist denn besser für mich? Wärme oder Kälte?“, dann sage ich diesem Menschen: „Tun sie das, was Ihnen gut tut.“ Wenn der Patient sagt, es ist die Kälte, dann sollte er mit Kälte arbeiten. Wenn dem Patienten Wärme gut tut, dann

ist Wärme auch richtig. Und wenn der Patient sagt, mir tut die Methode Dorn gut, dann ist das richtig. Ich werde ihn nicht davon abhalten, sich etwas Gutes zu tun. Die Orthopädie, die eigentlich vermeintlich das technischste aller Fächer ist, ist eigentlich das philosophischste. Sie haben keinen Gradmesser.

 

Ein Gynäkologe hat den Vorteil, dass er behaupten kann, er habe zwei Gradmesser seines Erfolgs: die Laborwerte werden besser oder schlechter, die Frau wird schwanger oder nicht, oder der Tumor wird größer oder kleiner. Und was ist der Gradmesser unseres Erfolgs? Es geht mir besser! So kann ich leben. Das unterscheidet uns völlig von den anderen Fachgebieten.

 

Aber zurück zur eigentlichen Frage… Weil Sie mich gefragt haben, was sind die Gründe dafür, dass in Deutschland so viel operiert wird. Zum einen ist die Ausbildung in diesem Fachbereich absolut operativ, d.h. die Kollegen verbringen von ihren sechs Jahren Facharztausbildung fünf Jahre im OP, den Rest auf Station. Sämtliches Handwerkszeug, das man heute braucht, um Rückenoperationen zu vermeiden, muss man sich heute selbst beibringen. Der Orthopäde, der ich noch bin, verschwindet zunehmend. Es gibt nicht mehr den „Facharzt für Orthopädie“, sondern es gibt den „Facharzt für Unfallchirurgie oder orthopädische Chirurgie“. Das bedeutet: Im Prinzip wird das, was wir hier tun, in der Ausbildung gar nicht mehr beigebracht.

 

Brauchen wir dann eine neue Berufssparte?

 

Ja, genau das wollte ich gerade sagen. Eigentlich gehört die Wirbelsäule in die Hände eines Schmerztherapeuten. Die Schmerztherapie in Deutschland wird jedoch überwiegend von Anästhesisten gemacht und ist eher palliativ. Diese Ärzte sind also auch nicht dafür ausgebildet, denn sie haben noch nie einen offenen Rücken gesehen. Sie behandeln eher chronische Schmerzzustände, Tumorpatienten. Für die Behandlung von Rückenpatienten sind sie aber nicht ausgebildet.

 

 

Hierzulande ist so, dass derjenige, der in der Kette der Letzte sein sollte bei der Therapie des Rückens, nämlich der Operateur respektive Orthopäde, ganz vorne in der Kette steht. Und zum Schmerzarzt kommt der Patient erst, wenn bereits Operationen schiefgelaufen sind. Doch eigentlich müsste es genau umgekehrt sein. Der Patient müsste erst den Schmerzarzt aufsuchen, und wenn der Schmerzarzt scheitert, dürfte er erst zum Operateur gehen. In Deutschland ist das genau umgekehrt. Das war der zweite Grund.

Der dritte Grund, warum in Deutschland zu viel operiert wird, ist: Wir sind einfach viel zu bilderlastig, d.h wir behandeln zu viele Bilder und viel zu wenig den Menschen. Der Grad der Veränderung im Bild wird oft als Grad der Schwere der Krankheit gesehen. Und das ist es eigentlich nicht. Erst das Leid des Patienten bestimmt die Schwere der Krankheit. Das Bild ist nur die Begründung oder eben auch nicht.

 

Ein entscheidender Aspekt kommt noch hinzu: Es wird an nichts so viel Geld verdient wie an Rückenoperationen. Das muss man ganz klar so sagen. Das ist das Bonbon jedes Krankenhausbetreibers. Die Patienten sind oft relativ jung und sie machen wenig Umstände. Wenn Sie sich überlegen, dass die konservative Behandlung eines Kassenpatienten in Deutschland im Quartal, also in drei Monaten, etwa 30 € beträgt, dann haben Sie mit einer kleinen Bandscheibe, mit zwei Nächten im Krankenhaus, den Faktor 100 erreicht. Da beginnen Sie schon mit 3000 €. Wenn Sie den Patienten dann noch dazu überreden, dass er sich eine Bandscheibenprothese einbauen lässt, dann sind es schon 6000 €. Und wenn Sie einen älteren Menschen dazu überreden, sich zwei oder drei Etagen versteifen zulassen, dann sind es 8000 €. So steigt nicht nur die Zahl der Rückenoperationen, sondern, was noch viel stärker steigt, sind Umfang und finanzielles Volumen der Operation. Man versucht quasi, den Patienten noch irgendwelche Schrauben, Prothesen oder Platten dazuzuverkaufen, weil das für die Kliniken rentabel ist. Wenn man sich mal überlegt, dass viele von den Chefärzten heute Verträge mit Benchmarks haben, sodass sie eine bestimmte Anzahl an Operationen liefern müssen, um einen bestimmten Umsatz zu erreichen, dann kann man sich vorstellen, wo die Reise hingeht. Ich sage nicht, dass das überall so läuft. Aber speziell das Kassensystem fördert das Weiterreichen von Patienten in Kliniken und Operationen. Das ist ein völlig krankes System.

 

Das Interview führte

Sandra Linde/Redaktion

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Naturheilpraxis Angelika Kammerer Heilpraktikerin